Die Managerin der Globe Collection and Press at MICA, Allison Fisher, druckt ein Plakat mithilfe einer Presse

Mach Druck!

Louis Armstrong, Tina Turner und James Brown: Über 80 Jahre lang liessen Musiker ihre Konzertposter bei Globe in Baltimore, USA, drucken. Als 2011 die Insolvenz drohte, kam das Maryland Institute College of Art (MICA) zu Hilfe und übernahm Globes Archiv und Werkzeuge. Nun lernen MICAs Studenten die alten Drucktechniken und gestalten damit Poster für neue Kunden. Ein Interview mit Managerin Allison Fisher (30) und Bob Cicero (71), einem der ehemaligen Inhaber, über glorreiche Zeiten, handgeschnitzte Buchstaben und die Zukunft

Text: Severin Mevissen | Fotos: Bernd Jonkmanns, Globe Collection and Press at MICA, Bob Cicero

Bob, was macht Globe-Poster eigentlich so besonders?

Bob Cicero: Sie fallen auf, sie funktionieren! Innerhalb von wenigen Sekunden – maximal drei – weiss man, welcher Künstler wann wo auftritt. Das war früher besonders wichtig, denn Poster wurden meistens an Strassen entlang plakatiert, auf denen Autos mit 50 Sachen vorbeiflitzten. Wir benutzten fluoreszierende Day-Glo-Farben und schnörkellose Blockschriften, das knallte ordentlich. Wir kombinierten Siebdruck – für die farbigen Hintergründe – mit Hochdruck für die Schriften.

Bob Cicero, ehemaliger Inhaber der Globe-Traditionsdruckerei aus Baltimore, bringt inzwischen Studenten die alten Drucktechniken bei
Vermittelt alte Drucktechniken: Bob, ehemaliger Inhaber von Globe
© Globe Collection and Press at MICA

Wie genau funktionieren die beiden Techniken? Wie geht Ihr dort vor?

Bob: Beim Hochdruck sind die zu druckenden Buchstaben und Bildelemente erhaben wie bei einem Stempel. Es ist mehr oder weniger die gleiche Technik, die schon Johannes Gutenberg im 15. Jahrhundert anwendete. Die Buchstaben sind entweder aus Metall oder aus Holz. Holz ist leicht und günstig, und gerade bei grossen Postern haben wir deswegen Holzlettern verwendet, viele davon handgeschnitzt. Die werden mit Richtkeilen in einem Stahlrahmen montiert und befestigt, dann wird die Farbe aufgetragen, und die Presse druckt mit dem je nach Papierstärke notwendigen Druck auf das Papier. Siebdruck kam in den 50er-Jahren hinzu. Dabei wird die Farbe durch ein Gewebe gepresst. Die Stellen, die nicht bedruckt werden sollen, macht man mit Schablonen farbundurchlässig. Die Schablonen können aus Papier oder Kunststoff-Folie sein und sind daher relativ schnell und günstig herzustellen. Die meisten Druckereien haben sich auf eine Technik spezialisiert. Wir boten beide Techniken an, deshalb kamen alle zu uns …

Handgeschnitzte Buchstaben: Das hört sich aufwendig an …

Bob: Sicher, das ist echte Handarbeit. Aber in den Wintermonaten war die Auftragslage oft schwach, und wir mussten die Arbeiter eh bezahlen. Deshalb liessen wir sie in der Zeit Holzbuchstaben und Bildelemente schnitzen. Das war die ökonomischere Lösung, auch für die Kunden, denn als Material war Holz billiger als Metall. Kleinere Buchstaben liessen sich auch recht schnell, in ca. 30 Minuten, schnitzen. Grössere Buchstaben und Motive dauerten vier bis fünf Stunden.

Echte Handarbeit: Die Holzbuchstaben, die zum Druck in der Baltimorer
Echte Handarbeit: Geschnitzte Holzbuchstaben
© Globe Collection and Press at MICA

Was für Holz wurde dafür verwendet, und wie lange hielt so ein Holzstempel?

Bob: Wir verwendeten Holz von Linden, das splittert nicht. Natürlich halten Druckvorlagen aus Metall länger, aber wenn Holzstempel regelmässig benutzt werden, dann hält die Tinte sie frisch. Manche unserer hölzernen Vorlagen sind fast 100 Jahre alt. Handgeschnitzte Vorlagen haben einen weiteren Vorteil: Sie erlaubten Künstlern wie unserem langjährigen Designer Harry Kanorr, einem ehemaligen Schildermaler, ein höheres Mass an Kreativität, und sie verleihen jedem Druck mit ihren kleinen Unregelmässigkeiten mehr Individualität.

Mir war es wichtig, dass Globe komplett blieb und wir unser Wissen, unsere Drucktechniken, weitervermitteln konnten»

Bob Cicero

Für wen habt Ihr denn eigentlich Plakate gedruckt?

Bob: Für Varieté-Shows, Zirkusse, Boxkämpfe und Autorennen. Unsere besten Kunden aber waren Musiker und Bands, hauptsächlich aus den Bereichen Jazz, Blues und R&B. Tina Turner rief persönlich aus Kalifornien an und bestellte bei meinem Vater Poster. Und James Brown war einer unserer treuesten Kunden. Wir haben über 30 verschiedene Druckplatten aus verschiedenen Jahrzehnten mit seinem Antlitz im Archiv.

Trotz all dieser berühmten Kunden kam Anfang des 21. Jahrhunderts die finanzielle Krise: Was waren die Gründe?

Bob: Verschiedene Faktoren: steigende Mieten und Papierpreise, Konkurrenz durch immer günstiger werdende digitale Techniken, vor allem aber immer strengere Gesetze, die das Plakatieren in Städten reglementierten beziehungsweise komplett verboten. In den 60er-Jahren arbeiteten über 40 Mann bei uns, oft rund um die Uhr. 2010 waren wir nur noch zehn. Wir hatten Mühe, unsere Rechnungen zu bezahlen.

Allison, 2011 kam dann MICA, Baltimores Kunsthochschule, zu Hilfe und übernahm Globes Archiv und den Grossteil der Ausrüstung. Warum?

Allison Fisher: Weil Globes gigantische Sammlung von Schrifttypen und Bildern ein wichtiges Stück Geschichte sind. Ich erinnere mich noch an meinen ersten Besuch, damals noch als Grafikstudentin. Ich war überwältigt von der Riesenmenge an Schriftblöcken und Druckplatten, es war ein Spiegelbild von über 80 Jahren Massenkommunikation und Musikgeschichte. Als wir hörten, dass Globe aufgelöst werden sollte, gründeten wir die Facebook-Gruppe «Friends of Globe» und überzeugten den Universitätsvorsitz von der Bedeutung der Sammlung.

Die Managerin der Globe Collection and Press at MICA, Allison Fisher, druckt ein Plakat mithilfe einer Presse
Setzte sich dafür ein, Globes Erbe zu erhalten: Allison
© Globe Collection and Press at MICA

War das schwierig?

Allison: Nein, sie verstanden schnell, dass dies eine einmalige Gelegenheit war, zwei Baltimorer Institutionen zu verschmelzen.
Bob: Mir schienen die Verhandlungen allerdings eine Ewigkeit zu dauern. Erst als die Lastwagen vorfuhren – 16 insgesamt – und die Kisten abholten, fiel mir ein Stein vom Herzen. Wir hatten zwar höhere Angebote von anderen Interessenten bekommen, aber die wollten die Sammlung zerschlagen und versilbern. Mir war es wichtig, dass Globe komplett blieb und wir unser Wissen, unsere Drucktechniken, weitervermitteln konnten. Deshalb unterrichte ich immer noch einmal wöchentlich junge Studenten in den alten Techniken.

Ganz komplett konnte die Globe-Sammlung allerdings nicht bleiben: Für die gigantischen Hochdruckpressen hatte MICA keinen Platz …

Allison: Richtig, und wenn Bob jetzt daran zurückdenkt, kommen ihm gleich die Tränen …
Bob: Ja, ich habe die Maschinen geliebt. Miehle-Druckpressen, Baujahr 1904, jede davon gut elf Tonnen schwer. Wir mussten sie verschrotten lassen und haben nur den Gegenwert des Altmetalls dafür bekommen. Über Jahrzehnte hinweg habe ich jeden Tag mit ihnen gearbeitet, sie gewartet, oft genug sogar auf ihnen geschlafen. Als die letzte abgeholt wurde, habe ich die Halle verlassen. Den Anblick konnte ich nicht ertragen. Jetzt drucken wir mit Vandercook-Abzugspressen. Die sind gerade mal so gross wie die Trittleitern, die an den Miehles standen. Ich nenne sie deshalb Fussschemel. Aber ich mag auch sie, solange sie drucken.

Bob Ciceros Ein und Alles: Die Miehle-Druckpressen, Baujahr 1904. Mit diesen Maschinen hat die Traditionsdruckerei Globe aus Baltimore ihre berühmten Poster gedruckt
Bobs Ein und Alles: Die Miehle-Druckpressen von 1904 – hier beim Umzug in ein anderes Gebäude 1979
© Bob Cicero

Wie viele Studenten konntet Ihr daran schon unterrichten, und was ist so faszinierend an den traditionellen Drucktechniken?

Allison: Bislang haben 168 Studenten unseren Kurs absolviert, und 60 Praktikanten haben mir beim Verwalten der Sammlung geholfen. Der Kurs ist meiner Ansicht nach aus zwei Gründen so beliebt: Die jetzige Generation ist mehr oder weniger mit dem Smartphone in der Hand aufgewachsen und digital übersättigt. Unser Kurs ermöglicht ihnen, eine handfeste, analoge und vergleichsweise langsame Technik zu erlernen und an der Schnittstelle von Design und physischer Welt – der Druckpresse – zu arbeiten. Das kann geradezu meditativ sein. Der zweite – und wichtigste – Grund für den Erfolg des Kurses ist sicherlich Bob: Er weiss wirklich alles über das Thema Druck, denn er hat die Geschichte selbst gelebt. Von ihm unterrichtet zu werden ist ein besonderes Erlebnis.
Bob: Unterrichten macht mir einen Heidenspass! Ich fange mit den Grundlagen an. Sicherheit ist das oberste Gebot: Niemals allein an einer Presse arbeiten, sondern immer jemanden dabeihaben, der aufpasst! Die Pressen haben keine Augen, aber jede Menge beweglicher Teile – Zahnräder, Druckwalzen –, da kann man sich die Finger schwer quetschen. Dann zeige ich, wie man Farben mischt, und erkläre, welche Werkzeuge wichtig sind: die Schlüssel für die Richtkeile, «Quoin Keys», mit denen die Stempel in den Rahmen fixiert werden, die «Ludlow Trays», Setzkästen für die Buchstaben, die verschiedenen Schnitzwerkzeuge … Ziel ist es, dass die Schüler möglichst schnell anfangen können zu drucken, denn dann sehen sie, wie viel Spass das macht.

Was genau ist der Spass daran?

Bob: Am Computer arbeitet man immer nur zweidimensional am Bildschirm. Beim Drucken arbeitet man noch mit den Händen. Schnitzen, Schablonen erstellen, das Mischen der Farben: Das sind haptische, dreidimensionale Erfahrungen, das ist eine ganz andere Befriedigung. Als Künstler hat man auch mehr Kontrolle, wenn man selbst druckt. Man begleitet das Produkt wirklich vom Anfang bis zum Ende, anstatt nur am Computer einen Druckbefehl zu geben oder einen Datensatz zu einer externen Druckerei zu senden. Und ich lerne immer noch selbst dabei. Dass sich Designsprache mit jeder Generation ändert beispielsweise und dass es verschiedene Herangehensweisen geben kann. Manche Studenten verändern und verfeinern ihre Druckergebnisse nachträglich mit dem Pinsel, etwas, was wir früher nie getan hätten. Ich musste mir abgewöhnen, immer gleich «So geht das nicht!» oder «So machen wir das nicht!» zu sagen. Und das war eine coole, interessante Erfahrung.

Beim Drucken arbeitet man noch mit den Händen. Schnitzen, Schablonen erstellen, das Mischen der Farben»

Bob Cicero

Wer sind die heutigen Abnehmer Eurer Plakate?

Allison: Wir drucken immer noch Konzertposter, betreuen aber auch Kunden wie das Baseballteam der Baltimore Orioles und Museen wie das Smithsonian in Washington. Zu den Zwischenwahlen in den USA im vergangenen November riefen wir mit Postern wie «Rise Up & Vote» Bürger dazu auf zu wählen. Menschen zu motivieren, am demokratischen Prozess teilzunehmen war uns als Institution ein Anliegen. Die Aktion war ein ziemlicher Erfolg: 1200 Poster waren in Nullkommanix vergriffen.

Riesen-Sammlung: Rund 500000 Gegenstände und Dokumente von Globe müssen archiviert und digitalisiert werden
Riesen-Sammlung: Rund 500000 Gegenstände und Dokumente müssen archiviert werden

Manche Globe-Poster sind inzwischen ein Vermögen wert: Ein Poster von Stevie Wonder soll bei einer Auktion fast 50000 Dollar gebracht haben, ein Poster von Smokey Robinson steht derzeit bei eBay für knapp 1900 Dollar zum Verkauf: Warum druckt Ihr nicht einfach die alten Poster nach?

Allison: Technisch wäre das sicher möglich, wir haben schliesslich die originalen Vorlagen und Werkzeuge dafür. Aber die Copyright-Lage ist undurchsichtig: Selbst wenn Globe die Poster damals entworfen und gedruckt hat, so liegen die Rechte an den verwendeten Namen und Bildern dennoch nicht automatisch bei Globe. Und Rechtsstreitereien sind das Letzte, was wir brauchen. Wir haben genug damit zu tun, die Sammlung – insgesamt ca. 500000 Gegenstände und Dokumente – zu archivieren und zu digitalisieren, das Handwerk zu unterrichten und somit den Globe-Stil in die Zukunft zu retten. Letzteres sehen wir als unsere eigentliche Aufgabe.

Bob, was wünschst Du Dir noch für Globes Zukunft?

Bob: Dass wir noch viele, viele Projekte angehen. Gern auch unter mehr Zeitdruck, «Hot Rush», wie wir das früher nannten, gern auch mit Maschinen, die Zicken machen und repariert werden müssen. Ich kann nicht still sitzen, ich muss ständig etwas tun, ich brauche den Druck.

Ab ins Archiv!

Wer im Archiv von Globe stöbern und sich Werkzeuge, handgeschnitzte Schriftblöcke, Druckplatten und Poster von Jimi Hendrix bis zu James Brown anschauen möchte, kann das hier machen.

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